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Die Zukunft der Wissensarbeit

Essay von Sharif Fuchs

Ich möchte darüber reden, wie die voranschreitende Automatisierung das Selbstverständnis von Wissensarbeiter:innen verändert.

Es ist Dienstag, 15 Uhr. Wir sind Beobachtende der Menschen einer europäischen Stadt. Wir sehen Schulen, Hochschulen, Fachakademien – und viele Bürogebäude. In einem Viertel am Rande der Stadt sitzt eine Softwareentwicklerin im Home Office, eine Programmiererin. Erst seit kurzem hat sie die Uni mit ihrem Informatikabschluss verlassen. Jahrelang übte sie sich in der Kunst des Programmierens, studierte Konzepte, entwickelte beeindruckende Softwareprojekte. Auch aus reiner Lust und Laune in ihrer Freizeit. Sie weiß, was sie tut. Deshalb winkte auch direkt aus dem Hörsaal diese gut dotierte Position im aufstrebenden jungen Tech-Unternehmen, in dem sie nun wirkt. Man stellte sie aufgrund ihrer Programmierfähigkeiten ein, ihres Drangs, Probleme zu lösen und, ja, auch wegen ihres Hochschulabschlusses. Sie ist genau da, wo sie sein wollte. Heute sieht ihre Arbeit aber anders aus. Sie sitzt vor ihrem Notebook, über das sie einem KI-Agenten vorgibt, was er erledigen soll. Das Programmieren, das Knobeln über Fehler im Code, die Gedanken über kreative Alternativwege – das alles macht die Maschine für sie. Die Softwareentwicklerin gibt nur noch Leitlinien, sieht zu und prüft.

Im Stadtzentrum sehen wir das Landesarchiv. Dort sitzt ein lang gedienter Historiker vor seinem Schreibtisch. Viel hat er in seiner Karriere erlebt. Es begann an der Uni, wo er sich strebsam in seiner Promotion mit der Geschichte des späten Mittelalters befasste. Sein seit der Kindheit bestehendes Interesse für historische Quellen, das Lesen von Fachbüchern und die Recherche nach immer neuen Zusammenhängen ermöglichte ihm, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen und eine sichere geordnete Laufbahn im öffentlichen Dienst einzuschlagen. Trifft er auf neue Leute, stellt er sich spätestens im zweiten Satz als Historiker vor. Heute macht der Historiker offiziell dasselbe im Landesarchiv wie schon vor 10 Jahren, als er die Stelle antrat. Doch eigentlich auch nicht. Jetzt sitzt er in seinem Büro und gibt einem KI-Agenten vor, welche Quellen und Datenbanken er für die neue archivarische Ausstellung durchforsten soll. Der Historiker sieht der Maschine zu, wie sie die historische Arbeit erledigt.

Die Arbeit des erfahrenen Historikers und der jungen Softwareentwicklerin ist mittlerweile erstaunlich ähnlich. Mit vollkommen unterschiedlichen Qualitäten, Interessen und Erfahrungen ausgestattet, und mit gänzlich verschiedenen Zielen und Anforderungen, die sie erfüllen müssen, machen sie im Arbeitsalltag doch vieles gleich. Sie orchestrieren und dirigieren dieselbe Maschine. Egal ob Geschichte, Informatik oder Werbung – die Maschine liefert ein Ergebnis. Die Menschen dahinter, diese hochqualifizierten Wissensarbeitenden, sind nun Organisierende und Prüfende. Unabhängig von Branche, Aufgabe oder Region; Wissensarbeiter:innen schöpfen nichts mehr, sie verwalten. Wenn jeder geistige Beruf kein Unikat mehr ist und die hochspezialisierte Schaffenskraft immer weniger wirkt, sondern nur noch die Organisation von Aufgaben, Meetings und Prüfung von Ergebnissen beinhaltet, was macht das dann mit unserer Identität? Worauf begründen wir unsere Selbstbestimmung, wenn das, worauf wir jahrelang hinarbeiten und lernen, nichts Besonderes mehr ist?

Es ist eine moderne Variante jener Existenzkrise, die Jean-Paul Sartre in seinem Roman „Der Ekel“ beschreibt. Sartres Protagonist blickt mit Abscheu auf die Menschen, die sich in ihren gesellschaftlich auferlegten Rollen verlieren – oft in beruflicher Natur. Sie spielen den Arzt, die Wirtin, den Offizier, um sich der klaren Wahrheit ihrer eigenen, freien Existenz nicht stellen zu müssen. Sie agieren wie in einem Schauspiel, um nicht fühlen zu müssen, wie substanzlos ihr Dasein eigentlich ist. Doch die durch KI angefachte Automatisierung entreißt den modernen Wissensarbeiter:innen heute selbst diese existenzielle Fluchtmöglichkeit. Wenn die Programmiererin nicht mehr programmiert und der Historiker nicht mehr recherchiert, bricht das schöpferische Fundament, das handwerklich Schaffende dieser Rollen weg. Was bleibt, ist kein stolzes Berufsbild mehr, sondern das eindimensionale, austauschbare Verwalten von maschinellen Ergebnissen. Selbst jene existenzverneinenden Rollen, die Sartres Protagonisten so anwiderten, verlieren ihren Rahmen und ihre Sicherheit. Wir können uns nicht einmal mehr hinter einer mühsam erarbeiteten Berufsidentität verstecken, abgesehen von Jobtiteln und Einkommen. Denn das tatsächliche Schaffen hinter all diesen verschiedenen Berufen wird mehr und mehr gleichgeschaltet. Der Mensch blickt auf seinen Bildschirm, sieht der Maschine beim Funktionieren zu und erfährt eine neue, digitale Form der Depersonalisierung, wie Sartres Protagonist sie durchlebt: den Ekel vor Arbeit, die uns nicht einmal mehr eine individuell gestaltbare Rolle anbietet, in der wir uns als Menschen verlieren können.

Dass diese Gleichschaltung überhaupt stattfindet, ist keine zufällige Entwicklung des technologischen Fortschritts, sondern die erwartbare Konsequenz eines ökonomischen Produktivitäts- und Effizienzregimes ohne Rücksicht auf die menschliche Natur. Die Marktwirtschaft, wie wir sie erleben, verlangte von großen Organisationen schon immer die Maximierung von werthaltigen Ergebnissen bei gleichzeitiger Minimierung von Fehlern, Unsicherheit und Zeit. Früher traf diese Pflicht zu standardisierten Schritten vor allem die Fabrikhallen und Fließbänder; heute erfasst es die klimatisierten und ansprechend eingerichteten Büros des Bildungsbürgertums. KI-Systeme sind in den Augen des Kapitalismus die perfekten Maschinen für die Ausweitung dieser Produktivitäts-Mission. Sie versprechen, das unberechenbare, langsame und teure menschliche Denken durch planbare und nahezu fehlerfreie automatisierte Prozesse zu ersetzen. Kreativität und ein leidenschaftliches geistiges Durchdringen werden in diesem System als Schwächen erkannt, weil sie Umwege, Zweifel und Zeit bedeuten – Aspekte, die in besagter Effizienzkultur keinen Platz haben. Das zeigen auch die personellen Umwälzungen von Technologiegiganten aus dem Silicon Valley, von europäischen Akteuren wie SAP, oder die beworbenen Automatisierungsziele des ÖVP-Staatssekretärs Alexander Pröll und anderer Politiker:innen.

Hier nimmt eine Entwicklung ihren weiteren gnadenlosen Lauf, die Karl Marx bereits im 19. Jahrhundert, als das Wesen des Kapitalismus definiert: die Entfremdung der Arbeit – oder auch die entäußerte Arbeit. Marx argumentierte, dass der Arbeiter im Kapitalismus den Bezug zu dem verliert, was er herstellt, weil das Produkt nicht ihm gehört, sondern dem Markt. Doch die moderne Automatisierung treibt diese Entfremdung auf eine neue, sehr plastische und greifbare Spitze. Die Wissensarbeitenden sind heute nicht mehr nur vom

Endprodukt und der Tätigkeit entfremdet, sondern vom Akt des Schaffens selbst; vom Gefühl, schöpferisch tätig zu sein. Wenn die Maschine den Code schreibt und die historischen Quellen zusammenträgt, enteignet sie den Menschen seines eigenen kognitiven Prozesses. Der Mensch erkennt sich in seiner Arbeit nicht mehr wieder. Seine natürliche geistige Energie fließt nicht mehr in das Werk selbst; sie verblasst beim Abhaken von To-do-Listen, dem Sitzen in Meetings und dem Protokollieren von Maschinenleistungen.

Damit erreicht die Entfremdung nun die bisherige intellektuelle Elite, jenen Teil der Bevölkerung, der sich über Jahrzehnte den Mythos der Selbstverwirklichung durch Arbeit bewahrt und beständig kultiviert hat. Die Ironie der Utopien, die uns vor gar nicht langer Zeit Tech-CEO's versprachen, KI-Systeme würden uns von monotoner Arbeit befreien und uns Raum für Ideen und Kreativität geben, offenbart sich im Arbeitsalltag: Die gewonnene Zeit wird nicht für menschliche Schöpfung genutzt, sondern mit noch mehr Verwaltung und höherer Taktung gefüllt. Arbeit verliert für diese status- und sinnsuchende Klasse endgültig ihr romantisches Feuer, das so viele Identitäten über ein ganzes Leben geprägt hat. Sie verkommt für immer mehr Menschen zu dem, was sie für die Arbeiterklasse schon immer war: ein reines Mittel zum Zweck. Ein nüchterner Tausch von Lebenszeit gegen Einkommen, um sich die Existenz zu finanzieren und das eigentliche, echte Leben in die wenigen Stunden der Freizeit zu verlagern.

Wenn die Erwerbsarbeit auch für das Bildungsbürgertum ihre identitätsstiftende Bestimmung verliert und zum reinen Tausch von Zeit gegen Geld verkommt, stehen wir vor einer neuen gesellschaftlichen Zäsur. Wir haben eine Kultur aufgebaut, in der der Selbstwert hochqualifizierter Menschen untrennbar mit ihrer langwierig erlernten, spezifischen Schaffenskraft im Beruf verwoben ist. Wenn dieses Sicherheit und Halt bietende Fundament wegbricht, hinterlässt das ein Vakuum in diesen Menschen. Doch genau in dieser totalen Entromantisierung von produktiver Arbeit liegt auch eine durchaus willkommene Chance.

Wenn uns die Motivation und die Ziele von großen Organisationen das wahre Schaffen verweigern und uns zu reiner Verwaltung und Prüfung algorithmischer Ergebnisse hinführt, zwingt uns das zu einer längst überfälligen Befreiung von der beruflichen Identität. Wir müssen aufhören, das menschliche Streben nach Schöpfung und Selbstverwirklichung mit der Erwerbsarbeit gleichzusetzen. Die Arbeit der Zukunft wird den Hunger nach Sinn nicht mehr stillen können – sie wird endgültig zum notwendigen Mittel der Existenzsicherung.

Das bedeutet jedoch nicht das Ende des menschlichen Schaffensdrangs. Es bedeutet, diesen Schaffensdrang für neue Wege einzusetzen. Wenn die Programmiererin ihren Code und der Historiker seine Berichte nicht mehr für effizienzbasierte organisationelle Zwecke schreibt, sondern über die notwendige Erwerbsarbeit hinaus aus individuellem Antrieb und intrinsischer Motivation jenseits von To-Do Listen handelt, entzieht sich das Schaffen dem Verwertungszwang. Die Zukunft der Arbeit zwingt uns, die existenzielle Fluchtmöglichkeit der Berufsidentität zu verwerfen, die Sartre so treffend skizziert. Wir werden lernen müssen, uns nicht mehr darüber zu definieren, was wir im System darstellen, sondern wer wir wirklich sind, was wir fühlen und denken, wenn der Computer aus ist und wir nicht auf vorgegebene Ziele hinarbeiten. Das Feuer des Schaffens erlischt nicht – es brennt nur nicht mehr für die produktive Arbeit.

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