Die Wahrheit - Das erste Opfer des Krieges
Die Propaganda im Russisch-Ukrainischen Krieg 2022
Von Christoph Staffner
Mit jedem Krieg geht Propaganda einher und so auch beim Russisch-Ukrainischen Krieg. Wieso betreiben Konfliktparteien so viel Aufwand mit Propaganda? Propaganda sind Nachrichten, die sich an die Gesamtbevölkerung der eigenen Gruppierung und der gegnerischen Gruppierung richtet, um das eigene Handeln zu legitimieren und das gegnerische Handeln zu delegitimieren. Das eigene Handeln zu legitimieren, motiviert die eigene Gruppierung bzw. das gegnerische Handeln zu delegitimieren, demotiviert die gegnerische Gruppe.
Putins Narrative von einer "Entnazifizierung der Ukraine" und von der "Ukraine als Teil der russischen Nation" sind linke und rechte Legitimationen für den russischen Angriff auf die Ukraine. Beide Narrative sind Lügen, die keiner objektiven Überprüfung standhalten, ähnlich, wie die Narrative der „faulen Arbeitslosen“ oder „kriminellen Ausländer_innen“ keiner Prüfung standhalten. Ohne Legitimität des Handelns gibt es keine Motivation der eigenen Gruppierung. Wieso sollte ein_e Soldat_in sein oder ihr Leben riskieren, wenn er oder sie die Legitimität des Kampfes nicht versteht oder gar ablehnt? Wieso soll ein_e Bürger_in Entbehrungen auf sich nehmen, wenn es dafür keinen guten Grund gibt? Wieso soll sich ein_e Arbeiter_in abrackern, um die Truppe zu versorgen?
Die Wirksamkeit der Propaganda steht und fällt mit ihrer Glaubwürdigkeit und Verbreitung. Gerade die Verbreitung funktioniert ausgezeichnet über gesellige Medien, wie Facebook, Twitter, WhatsApp, Telegram usw. Nebenbei steigert es die Glaubwürdigkeit, wenn Informationen von Bekannten geteilt werden und je mehr Bekannte es teilen, desto glaubwürdiger die Propaganda (Stichwort „Social-Media-Bubble“). Das Gleiche gilt für die Delegitimation des Handelns der gegnerischen Gruppierung - nur mit umgekehrten Vorzeichen, denn ein_e Gegner_in ohne legitimen Grund gibt auf.
Im Russisch-Ukrainischen Krieg verbreiten die Konfliktparteien ihre Propaganda über die klassischen Medien - Fernsehen, Radio und Print – sowie übers Internet. Gerade im Internet kann die Propaganda mit einfachsten Mitteln überall auf der Welt hergestellt und weltweit verbreitet werden. Das macht die Erkennung von Lügen und Fake News schwierig. Was kann man tun? Grundsätzlich skeptisch bleiben! Ort, Zeit und Inhalt von Informationen und scheinbaren Nachrichten können falsch oder manipuliert sein. Für Laien ist es schwer bis unmöglich Propaganda von objektiver Berichterstattung zu unterscheiden. Selbst Journalist_innen und Redaktionen scheitern öfters daran.
Anhand von Kriterien kann man jedoch die WAHRSCHEINLICHKEIT für Propaganda einschätzen:
- Wer ist die Quelle und ist sie verlässlich?
Fehlende Quellenangaben, unbekannte Quellen, tendenziöse Quellen oder mangelhafte Qualität der Quellen machen die Information wahrscheinlicher zu Propaganda.
- Gibt es konkrete Angaben oder Anzeichen für Zeit und Ort?
Fehlende oder vage Zeit- und Ortsangaben erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um fabrizierte Informationen handelt oder dass sie aus dem Zusammenhang gerissen wurden und somit Propaganda darstellen könnten.
- Gibt es mehrere unabhängige Berichte vom gleichen Ereignis?
Ein einziges Video oder Bild von einem Vorfall macht es wahrscheinlicher zu Propaganda.
- Wie gut passt es in die Kommunikation einer der Konfliktparteien?
Die Wirklichkeit ist immer komplexer als die Propaganda. Passen Video, Bild oder Ton zu gut zu den Aussagen einer Konfliktpartei, dann ist es wahrscheinlich Propaganda.
(Hypothetisches Beispiel: Putin wirft der ukrainischen Armee vor rechtsradikal zu sein. Taucht ein Video auf, auf denen man Leute in Tarnanzügen und Hakenkreuzarmbinden im Wald herumrennen sieht, dann sollte man skeptisch und kritisch bleiben und gegeben falls weiter recherchieren.
- Über welchen Kanal gelangt die Nachricht zu einem?
Wenn der Kanal in der Vergangenheit schon krude Verschwörungstheorien oder Propaganda verbreitet hat, dann kann es leicht diesmal auch so sein.
- Sind die Informationen in sich stimmig?
Der Russisch-Ukrainische Krieg begann Ende Februar. Wenn man auf einem Bild belaubte Bäume sieht, die auf eine andere Jahreszeit schließen lassen, dann sollte man skeptisch bleiben.
- Wie plausibel ist die Information?
Je fantastischer, absurder und abwegiger die Information, desto wahrscheinlicher ist es Propaganda.
De_r aufmerksamen Leser_in wird aufgefallen sein, dass immer von Wahrscheinlichkeit die Rede ist. Ein Bild, das perfekt in das Narrativ einer Konfliktpartei passt und ohne konkrete Zeit- und Ortsangabe von einer einzelnen Quelle stammt, die bisher viel Fake News verbreitete und eine fantastische Geschichte erzählt, KANN wahr sein, aber WAHRSCHEINLICH handelt es sich um Propaganda.
Trotz dieser Skepsis lässt sich schwer herausfinden, was tatsächlich vor sich geht und da kommen Fact-Checking-Portale ins Spiel. Für den Russisch-Ukrainischen Krieg sind das die NGOs Bellingcat, Centre for Information Resilience und Conflict Intelligence Team. Sie grasen die verschiedensten Kanäle ab und untersuchen die Meta-Daten der Bilder, Videos, etc., um Ort und Zeit der Erstellung herauszufinden. Außerdem prüfen sie, ob die Informationen in sich stimmig sind. Zum Beispiel: zeigt das Video wirklich das Krankenhaus in Mauripol? Passen Wetter, Sonnenstand oder Mondphase zu den gezeigten Bildern? Sind Videos oder Bilder manipuliert? Diese Arbeit ist aufwendig und ein ständiger Work-in-Progress. Am besten unterstützt man deren Arbeit, indem man nur gesicherte Infos teilt. Sonst gehen die Fact-Checker in einem Meer aus Propaganda unter.
Das Portal The Kyiv Independent geht das Problem von der Quelle aus an, indem es selbst die Quelle für verlässliche Berichte ist. Es handelt sich um eine Redaktion, die sich unabhängig gemacht hat und nun rein nach journalistischen Gesichtspunkten arbeitet, ohne Interventionen eine_r oligarchischen Besitzer_in.
Fazit: Mit einer gesunden Portion Skepsis kann man Propaganda besser einschätzen und deren Verbreitung unterbinden. Das allein ist ein wichtiger Beitrag zur Wahrheit, den alle leisten können.
Quellen:
Konzett Eva und Tessa Szyszkowitz. „Die Schlacht um die Wahrheit im Krieg.“ Falter Nr. 09 (2022). Zuletzt geprüft am 19.03.2022. https://www.falter.at/zeitung/20220301/die-schlacht-um-die-wahrheit-im-krieg
Bildquellen:
Nr. 1 https://pixabay.com/de/vectors/gef%c3%a4lschte-nachrichten-propaganda-3801637/
Nr. 2 https://pixabay.com/de/vectors/wahrheit-l%c3%bcgen-pfeile-philosophie-4432841/
Links:
Bellingcat
Homepage: https://www.bellingcat.com/
Centre for Information Resilience
Homepage: https://www.info-res.org/
Twitter: //twitter.com/@Cen4infoRes">https://twitter.com/@Cen4infoRes
Conflict Intelligence Team
Twitter: //twitter.com/@CITeam_en">https://twitter.com/@CITeam_en
The Kyiv Independent
Homepage: https://kyivindependent.com/
Russia-Ukraine Monitor Map
Homepage: https://maphub.net/Cen4infoRes/russian-ukraine-monitor